Wer nach Indien reist, trifft auf ein buntes, chaotisches, faszinierendes Land, das so ganz anders ist als die Heimat. In diesem Blogartikel werfen wir einen Blick auf kulturelle Besonderheiten Indiens, die vor allem Religion und Spiritualität betreffen. Natürlich ließen sich damit Bände füllen – daher beschränken wir uns darauf, spannende kulturelle Unterschiede zu erklären, die wohl allen westlichen Reisenden in Indien ins Auge fallen.

Warum sind Kühe in Indien heilig, aber oft unterernährt?
Jeder Indienreisende hat sie schon einmal gesehen: Kühe, die in aller Seelenruhe eine viel befahrene Straße überqueren oder auf dem Bordstein friedlich vor sich hindösen. Das Verhältnis der Inderinnen und Inder zu Kühen ist allerdings ambivalent: Einerseits gilt die heilige Kuh als Symbol für die Urmutter, für die Schöpfungskraft, die das Universum und die Menschen hervorbrachte. Andererseits haben Bauern für männliche Rinder oft keine Verwendung und setzen sie daher aus. Die Folge: Sie müssen in den Städten nach Futter suchen und sehen oft recht mager aus.

Mehr über „Indien für Anfänger“ gibt’s übrigens hier.
Laut feiern gehört dazu
In Indien gilt: Je lauter, desto besser. Zumindest was religiöse Feste betrifft, darf es schon mal etwas lauter zugehen. Per Bluetooth-Lautsprecher werden – gerne auch nachts – zahllose religiöse Lieder abgespielt, quasi als Segen für die Nachbarschaft. Manchmal artet diese Form der Frömmigkeit in eine Art Wettbewerb aus – wer spielt die lauteste Musik, wer hält am längsten durch? Nicht alle Inderinnen und Inder sind begeistert von diesem Brauch, aber er spiegelt nun einmal die tiefe Religiosität des Landes wider.

Wer es gewohnt ist, in einer Kirche bloß keinen Lärm zu machen und sein Haupt zu senken, wird in Indien große Augen machen. Am besten ist es, sich von der Fröhlichkeit der Feierlichkeiten anstecken zu lassen. Indien ist weniger ein besinnlicher Ort der Stille, sondern eher ein buntes Chaos, das akzeptiert und bestaunt werden möchte. Ganz nach der berühmten indischen Redensart „Chalta hain!“.
Chalta hain – passt schon!
Indien bietet viele Gelegenheiten, Gelassenheit zu lernen. Irgendetwas geht schief, der Zug fällt aus oder die Nachbarn feiern bis in die Morgenstunden? Kein Problem! Inderinnen und Inder sagen dazu nur „Chalta hain!“ – was so viel heißt wie „Passt schon“. Eine Ungereimtheit bedeutet in diesem Land nicht, dass man deswegen seine Geistesruhe verlieren müsste. Das Leben geht weiter, wenn man es lässt. Chalta hain!
Im Land der Hupen
„Chalta hain“ ist auch eine weise Haltung, wenn du in eine Rikscha steigst. Denn Ampeln und Verkehrsschilder sind in Indien eher Mangelware – auf der Straße herrscht das Recht des Stärkeren, so hat man jedenfalls den Eindruck. Um es durchzusetzen, bedienen sich Inder gerne der Hupe. Wenn sie sich zum Beispiel durch schmale Lücken im dichten Verkehrsstrom quetschen wollen, andere Fahrzeuge oder Menschen im Weg sind, sie um die Kurve fahren oder vielleicht auch einfach nur jedem mitteilen möchten, dass sie existieren – es scheint immer einen guten Grund zu geben, die Hupe zu betätigen. Weil das jeder so hält, ist der Geräuschpegel in indischen Städten entsprechend hoch. Zwar gibt es durchaus Maßnahmen in puncto Verkehrserziehung wie Bußgelder, aber die scheinen keinen bleibenden Eindruck beim Großteil der Bevölkerung zu hinterlassen.
Tabus bei Tempelbesuchen: Kulturelle Unterschiede in Indien
Ob Stadt oder Land, arm oder reich: In Indien gibt es überall Tempel. Während es die abendländische Sitte verlangt, in christlichen Kirchen jegliche Kopfbedeckungen abzunehmen, ist es in den Gurudwaras der Sikhs und den Moscheen der Moslems genau umgekehrt. Hier solltest du deinen Kopf bedecken, sei es auch nur mit einem Schal. Das ist ein Zeichen der Ehrfurcht. Achte auch darauf, dass Beine, Schultern und Brust bedeckt sind.

Etwas ungewohnt für Westler ist wohl auch, dass man vor Betreten des Tempels die Schuhe auszuziehen hat. Der Hintergrund: Die Schuhe gelten als schmutzig und haben in einem Heiligtum nichts verloren. Damit deine Schuhe sicher verwahrt werden, kannst du sie an einem dafür vorgesehenen Stand abgeben.
Vielleicht drückt dir ein Priester Prasad in die Hand, eine gesegnete Süßigkeit. Nimm sie mit der rechten oder mit beiden Händen an, aber niemals mit der linken. Die linke Hand wird in Indien –mangels Toilettenpapiers – für die Hygiene nach dem Stuhlgang verwendet.
Du möchtest die Tempel nicht nur besichtigen, sondern auch an traditionellen Zeremonien teilnehmen und ihre Hintergründe verstehen? Yogalehrer Johannes Vogt leitet regelmäßig Pilgerreisen zu verschiedenen indischen Ashrams, Tempeln und Kraftorten. Hier hast du die Gelegenheit, an besonderen Orten zu meditieren und in die Spiritualität Indiens einzutauchen. Mehr über die Pilgerreise erfährst du hier.

Häufige Fragen rund um kulturelle Besonderheiten in Indien
Indien ist geprägt von einer extremen Vielfalt: 121 Sprachen, zahlreiche Religionen, starke regionale Unterschiede und ein Nebeneinander von Hightech und traditionellem Leben. Spirituelle Praxis, Familie und soziale Hierarchien spielen eine zentrale Rolle im Alltag und prägen Denken, Rituale und gesellschaftliche Strukturen.
Typisch für Indien sind bunte Kleidung, intensive Gewürze, vegetarische Küche, lebhafte Märkte und ein starkes Gemeinschaftsgefühl. Religion durchdringt den Alltag sichtbar: Die Tempel sind gut besucht und regelmäßig werden religiöse Feste im großen Rahmen gefeiert. Pünktlichkeit ist eher ein Fremdwort und persönliche Beziehungen oft wichtiger als formale Regeln.
Indische Traditionen umfassen religiöse Feste wie Diwali oder Holi, tägliche Rituale (Puja), Yoga und Meditation, Ayurveda sowie bunte Hochzeiten, die sich über mehrere Tage erstrecken. Respekt vor Älteren, Loyalität in Bezug auf die Familie und spirituelle Lehrer-Schüler-Konstellationen sind kulturell tief verankert und generationenübergreifend wirksam.
Als tabu gelten öffentliches Küssen, Respektlosigkeit gegenüber Religion, Tempeln oder heiligen Texten sowie das Berühren des Kopfes anderer. Die linke Hand gilt als unrein – du solltest sie daher nicht zum Essen verwenden, wenn es kein Besteck gibt. Verzichte besser auf kurze Röcke und Bikinis und betritt keinen Tempel mit Schuhen.
